Hubschrauber im Snoozelraum

 

Überall scheint buntes Licht. Eine Discokugel hängt an der Decke, Spiegel und Seidentücher an den Wänden. In gläsernen Wassersäulen steigen Luftblasen auf, umrahmen ein in den Boden eingelassenes Wasserbett. Der "Snoozelraum" erscheint wie eine Ansammlung stimulierender Gegenstände. Shushanik Sukiasyan begrüßt mich. In einem Wohnheim für 32 geistig und mehrfach behinderte Menschen in Ratingen ist sie die Musiktherapeutin. Sie hat sich ein wenig Zeit genommen, mir von sich und von ihrem Weg hierhin zu erzählen.

 

Geboren ist sie vor 28 Jahren in Eriwan, der Hauptstadt von Armenien. Damals war dies noch eine Republik der Sowjetunion. Schon als Kind habe sie sich für Musik begeistert. Zu Popmusik hatte sie keinen Zugang, wohl auch wenig Interesse daran. Sie lebte in der Welt der Klassik, lernte Klavier und Gitarre. Nach dem Abitur besuchte sie das Konservatorium in Eriwan, wurde Musikwissenschaftlerin. Bei Freunden hörte sie zu jener Zeit das erste Mal Jazz. Sofort war sie begeistert. Zu Beethoven, Mozart und Haydn gesellten sich nun John Coltrane, Herbie Hancock und John McLaughlin ins Plattenregal. Und dann, in einem schlecht besuchten Seminar, entdeckte sie endlich die Synthese der Musik ihrer Kindheit und die ihrer Jugend, sie entdeckte die Neue Musik.

Als sie den Namen des deutschen Komponisten Karlheinz Stockhausen erwähnt, bemerkt Shushanik Sukiasyan sofort mein leichtes Stirnrunzeln. Ob ich Stockhausen kenne? Mein Zögern läßt sie zum CD-Player eilen. "Dies ist das Helikopter-Streichquartett. In vier Hubschraubern sitzt jeweils ein Streichquartett: zwei Geiger, ein Bratschist, ein Cellist. Verbunden sind die Musiker über Mikrofone, Kopfhörer und Funkgeräte. Alle können sich hören. Die vier Hubschrauber starten gleichzeitig. Dazu spielen die Streicher."

Mir wurde nicht zu viel versprochen. Aus der High-End-Anlage höre ich recht laut die Geräusche, die Hubschrauber beim Start zu machen pflegen. Dazu, fast in der gleichen Lautstärke, kratzen 16 Streicher auf ihren Instrumenten, spielen Melodien, die in den gängigen Hitparaden wohl keine Verwendung finden. Die begeisterten Augen von Shushanik Sukiasyan versöhnen mich. Ein bisschen hat sie ihre Schultern nach oben gezogen, als fürchte sie meine Reaktion auf diese konzertante Musik. Tatsächlich, so berichtet die junge Armenierin, sei sie wegen dieser Musik nach Deutschland gekommen. Ihre Großmutter väterlicherseits war zwar Deutsche, aber erst, nachdem sie die moderne Symphonik hörte, stand ihr Entschluss fest. Inzwischen hat sie ihr Aufbaustudium für Musiktherapie an der Uni Münster fast abgeschlossen.

 

Allmählich füllt sich der Raum. Achmed kommt angefahren, auch Michael, dessen Rollstuhl einen Motor, Blinker und eine Hupe hat. All diese FunktiSowjetronen führt er mir stolz vor. Ina, Hellen und Rita können gehen. Rita trägt einen Lederhelm. Hellen hat eine gebückte Körperhaltung und zusammengekrampfte Hände. Ina ist ganz klein und zierlich, hat fast weiße Haut, himmelblaue Augen und so dicke Lippen wie Mick Jagger. Alle lächeln. Nach acht Stunden Arbeit in der Werkstatt warten sie nun auf ihre Musikstunde.

Shushanik Sukiasyan stimmt das Lied "Kumbaya" an. Sofort singen alle mit, aber jeder in einer anderen Tonart, mit einem anderen Tempo und einer anderen Melodie. In jeweils einer Strophe wird einer der Anwesenden namentlich begrüßt. Der so Angesprochene sieht dann besonders stolz und glücklich aus, singt besonders laut mit. Ich erinnere mich an das Helikopter-Streichquartett.

Zunächst vermute ich, dass zwischen den Menschen hier das Funkgerät ausgefallen ist. Aber dann sehe ich die vielen Blicke, die ausgetauscht werden. Wahrscheinlich können meine Ohren die Frequenzen dieser Funkgeräte nur noch nicht empfangen. Achmed hält den Schellenkranz hinter seinem Kopf, als wär dieser ein Heiligenschein. Michael hämmert mit seinen Fäusten auf die Konga. Rita greift mit beiden Händen in die hell klingenden Metallstäbchen. Hellen schlägt stoisch die Kuhglocke. Zusammen mit dem Gesang ist sicherlich nur noch in Fragmenten das ursprüngliche Lied zu erkennen. Vielstimmig ist etwas anderes zu hören, der Klang von Vitalität und Lebensfreude.

 

Man kann nun fragen, warum geistig behinderte Menschen eine Therapie erhalten, die weniger ihre intellektuellen Fähigkeiten fördert, und mehr dabei hilft, ihre psychischen Probleme zu verarbeiten. Rosemarie Tüpker, Leiterin des Studienganges Musiktherapie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, erklärt dies so: "Natürlich leiden auch geistig behinderte Menschen an ihren seelischen Konflikten, manchmal sogar mehr als andere. Sie müssen das So-nicht-gewollt-sein, die damit verbundene gesellschaftliche Ausgrenzung oder Bemitleidung aushalten. Musiktherapie, eine Therapieform also, die nicht alleine auf Sprache angewiesen ist, kann hier eine hilfreiche Begleitung sein."

Shushanik Sukiasyan, die Musiktherapeutin ist an jeden Ton jedes Menschen in diesem Raum interessiert. Ina soll vor einem Lied mitteilen, ob sie ihre Strophe laut oder leise gesungen haben möchte. Sie starrt die Wand vor sich an, reibt ihre Daumen an ihre Zeigefinger, als wolle sie andeuten, dass eine Antwort zu teuer sei. Nach einer kleinen Ewigkeit macht sie ein fast unmerkliches Zeichen mit der Hand. "Ich muss mich in die Welt eines autistischen Menschen hineinleben. Dann sind kleine gemeinsame Schritte nach draußen möglich." Ob ihr diese Grenzgänge als Ausländerin leichter fallen? "Geistig Behinderte leben in einer anderen Welt. Ich als Armenierin lebte in einer anderen Welt. Vielleicht ist es wirklich so, das Übersetzen habe ich gelernt. Zumindest bin ich ein neugieriger und ein ständig improvisierender Mensch. Das hilft mir hier."

Gern würde Shushanik Sukiasyan wieder zurück in ihre Heimat. Aber Musiktherapie ist Luxus. In Wohnheimen für Behinderte ist Musiktherapie sogar im relativ reichen Deutschland eher selten. In Armenien gibt es zwar ein buntes kulturelles Leben. Auch werden in sozialen Einrichtungen verschiedene Therapien angeboten. Shushanik Sukiasyan aber wäre die erste Musiktherapeutin Eriwans.

 

Heilende Musik

Musiktherapie gibt es in vielen Formen. Bei der rezeptiven Musiktherapie werden den Patienten Musikstücke vorgespielt. Es gibt aber auch die Möglichkeit, mit Klangerzeugern und Instrumenten Musik aktiv zu gestalten, meist in Form einer Improvisation. Aber auch Gesang kann ein Mittel der Musiktherapie sein. Musiktherapie wird sowohl in Gruppen wie auch im Kontakt zwischen dem Therapeuten und einem Patienten angeboten. Besonders dort, wo die verbale Auseinandersetzung erschwert oder unmöglich ist, kann sie effektiv eingesetzt werden.

Die Arbeitsfelder sind sehr unterschiedlich: von der Begleitung von Frühgeborenen bis zu Sterbenden. In psychiatrischen Einrichtungen, Altenheimen, Sonderkindergärten, Behinderteneinrichtungen und zunehmend auch in Schulen für besonders schwierige Schüler gibt es musiktherapeutische Angebote. Krankenkassen können die musiktherapeutische Behandlung übernehmen, wenn der Therapeut über eine nach dem Psychotherapeutengesetz anerkannte Ausbildung verfügt, also tiefenpsychologisch, psychoanalytisch oder verhaltenstherapeutisch arbeitet. Ansonsten muss Musiktherapie in freier Praxis vom Patienten selbst gezahlt werden. In sozialen Einrichtungen wird sie über den Betriebskostenetat gedeckt.

In Großbritannien und den USA ist die Musiktherapie weit verbreitet, verfügt über eine viel längere Tradition als in Deutschland. Viele Formen der Psychotherapie galten hier in den Dreißiger Jahren als "jüdisch" und wurden verboten oder in die Immigration gedrängt, auch die Musiktherapie. Erst in den Achtziger Jahren konnte sich im deutschsprachigen Raum die Musiktherapie wieder etablieren. Bekannt sind die Ausbildungsstätten in Salzburg, München, Hamburg und Heidelberg.

In NRW gibt es an der Wilhelms- Universität Münster für Musikpädagogen einen Zusatzstudiengang Musiktherapie. Eine nichtstaatliche Weiterbildung zum Musiktherapeuten, die allen Berufsgruppen im sozialen Bereich offen steht, bietet auch die Zukunftswerkstatt Tanz, Musik, Gestaltung in Neukirchen-Vluyn an.

 

taz NRW vom 23.3.2004