Alles muss raus!

Als Racheengel aller Teenager will Sängerin "LaFee" zurück in die Charts. Weshalb ihre Musik so gut funktioniert - vor allem bei Eltern.

Es sieht fast aus wie in einer Geisterbahn. Die Augen staunend weit geöffnet, wandeln Kinder mit ihren Eltern durch düstere Säle. Von schwarzen Wänden grinsen überdimensionale Masken. Ein Knochengerippe reitet auf einer Diskokugel. Schwere gusseiserne Skulpturen erinnern an mittelalterliche Folterkeller. Im größten Saal herrscht dichtes Gedränge. Plötzlich wird es hell. Ohrenbetäubendes Geschrei aus hunderten von Kehlen erklingt. Auf der Bühne erscheint eine schwarzgekleidete Fee.

Kinder brauchen Märchen. Das wussten die Gebrüder Grimm. Das wissen Pädagogen. An diesem Nachmittag wird in einem Grufticlub in Duisburg ein modernes Märchen aufgeführt. Die 16-jährige LaFee präsentiert vor 500 Gästen ihre zweite CD. Vor einem Jahr feierte sie mit ihren Hits "Virus" und "Prinzesschen" ansehnliche Erfolge. Die Texte der beiden Lieder waren provozierend-ordinär, die Musik schlichter harter Gitarrenrock. "Ich wünsch Dir einen Virus, ich wünsch Dir die Krätze an den Hals, ich wünsch Dir nen Bazillus, der Dich hässlich macht und alt". Die Fans von LaFee, die sich nun an diesem schwülwarmen Sommertag in den Katakomben der Ruhrgebietsdisco eingefunden haben, sind sechs bis vierzehn Jahre alt - die meisten in Begleitung eines Erziehungsberechtigten. Begeistert singen sie die ihnen bekannten Verse mit. Das Mädchen auf der Bühne ist für sie das wütende Fabelwesen, das unverwundbar erscheint. LaFee schreit, tanzt, springt. Musikalisch begleitet wird die Sängerin von breit grinsenden Rockmusikern, die ihre Augen hinter dunklen Sonnenbrillen verbergen.

"LaFee ist cool, weil sie singt was sie denkt", sagt später die 11-jährige Lina. Wie all die anderen hier hat sich Lina im Internet bei der Plattenfirma EMI beworben, um bei dieser Premiere dabei sein zu dürfen. Sie wurde von zehntausenden von Interessenten ausgewählt. An ihrer linken Schläfe hat sie sich mit schwarzer Schminke das Logo ihres Idols aufgemalt, zwei gotisch anmutende Buchstaben: LF. Auch LaFee trägt dieses künstliche Tatoo, sobald sie sich in der Öffentlichkeit bewegt, weiß Lina zu berichten. Gern wäre sie so wie der Star auf der Bühne. "Die lässt sich nichts gefallen!" Lina lächelt etwas verlegen. "Den blöden Jungs auf dem Schulhof müsste man auch mal solche Sprüche an den Kopf werfen." Lina wirkt nicht so, als wäre dies einfach für sie. Aber auf dem Konzert schreit sie mit all den anderen Besuchern die letzte Zeile vom Refrains des Liedes Virus: "Ich hau Dir eine rein!"

Die Texte dieser Fee sind hart. Nicht so menschenverachtend wie die der testosterongebeutelten Rapper aus Berlin, aber doch deftig. Arsch, Titten, Schlampe, solche Worte werden benutzt. Manche Zeilen könnten von Schultoilettenwänden abgeschrieben sein. Sind sie vielleicht auch. Denn zu dem Märchen "LaFee" gehört, dass diese zuvor ein ganz normales Mädchen war. Christina Klein, so heißt die Sängerin mit bürgerlichen Namen, machte vor sechs Wochen ihren Hauptschulabschluss. Ihr Vater ist LKW-Fahrer. Ihre griechischstämmige Mutter betreibt einen Imbiss. Christina wohnt bei ihren Eltern in dem Städtchen Stolberg bei Aachen. Auch diese Seite des Stars wird in den Medien präsentiert und soll sagen: Sie war eine von Euch. Das Märchen Aschenputtel funktioniert so. Im aktuellen Märchen aber verwandelt sich die Magd nicht zur Prinzessin, sondern die Hauptschülerin zum wütenden Racheengel.

Ein solcher Racheengel scheint in der Welt der Teenager dringend nötig zu sein. LaFee singt von sexuellem Missbrauch, von Bulimie, von Kindern, die im Ehekrieg ihrer Eltern nur stören. All die Themen sind nicht neu, sind nicht mehr tabuisiert. Es gibt eine Fülle von Songtexten über Gewalt, Missbrauch, psychische Krankheiten bei Jugendlichen. Neu allerdings ist, dass eine so junge Interpretin vor einem noch jüngeren Publikum diese Themen anspricht. Viele Konzertbesucher beeindruckt das - aber nicht alle. Eine 16- Jährige fällt ein vernichtendes Urteil: "Das ist hier ja Kindergartenpop!" Missbilligend zeigt sie auf Konzertbesucher, die ihr nur bis zum Bauchnabel reichen. Und natürlich stellt sich die Frage: Sind solche Texte, ist solch eine Sprache etwas für Kinder im Grundschulalter? Der Manager, Produzent und Mitautor der Stücke, Bob Arnz ist von seiner Entdeckung begeistert: "Ältere Menschen, die keine Kinder haben, denken, dass Kids von sechs bis 16 nur Dubidammdamm hören wollen. Aber Kinder gehen mit doch offenen Augen durch die Welt und haben mehr Probleme, als man glaubt."

Eines der Probleme, das in den Liedern immer wieder angesprochen wird, ist die Sexualität. Die Sexualität von LaFee erscheint als öffentlicher Raum. Und es klingt wie ein Bravo-Aufklärungsbeitrag, wenn auf der ersten CD bei dem Lied "Das erste Mal", die kleine Fee singt, noch nicht so weit zu sein. Noch ein bisschen warten, sich erst mal lieb haben, niemanden unter Druck setzen. Das ist Doktor-Sommer-kompatibel. Auf dem aktuellen Album, ein Jahr später, findet sich allerdings bereits das Lied: "Küss mich". Es beginnt erst harmlos mit Dudelsackgedudel. Im Mittelteil des Stückes aber atmet und stöhnt die nicht mehr ganz so kleine Fee. Zuhörer gewinnen den Eindruck, beim "ersten Mal" mit dabei zu sein. Unter 0190-Telefonnummern bekommt man ähnliche Geräusche zu hören.

Wie es sich für ein modernes Medienmärchen gehört, verschwimmt auch hier die Grenze zwischen der Figur der Geschichte und dem darstellenden Menschen. Fernsehmagazine und Jugendzeitschriften haben in den vergangenen Monaten akribisch über die erste "richtige" Beziehung der Sängerin Christina Klein berichtet. Ob sie tatsächlich schon mit ihrem Freund Sex hatte, konnten die fleißigen Reporter aber noch nicht eindeutig beantworten. Christina Klein sagt dazu: "Bis zu einem gewissen Punkt provoziere ich, aber dann kann ich auch die Schotten dicht machen." Hoffentlich unterschätzt die junge Frau da nicht die Möglichkeiten der Boulevardmedien.

Wie es sich für schwermetallerne Rockmusik gehört, wird in manchen Liedern jugendliche Todessehnsucht thematisiert. Hier stirbt eine Freundin, da suizidiert sich ein Liebespaar. In "Für dich" setzt LaFee sogar ein Skalpell an, um einen bösen Jungen zu bestrafen. Welches Körperteil des Knaben unter der Märchenfigur leiden muss, wird allerdings nicht ausgeführt. All die düsteren Lieder passen zu dem adoleszenten Publikum in der düsteren Diskothek. Aber die Grundschülerinnen stehen bei diesen Stücken etwas ratlos herum.

Eine andere Altersgruppe wiederum scheint mit der Musik von LaFee keine Probleme zu haben. Die mitgebrachten Eltern johlen, klatschen, schreien, tanzen. Musikalisch klingt das, was auf der Bühne gespielt wird, stellenweise wie ACDC. Die röhrenden Gitarrenriffs kommen bei den Vätern mit den schütteren langen Haaren an. Und manche Mutter lächelt versonnen, wenn LaFee knarrt und krächzt wie ein alter Holzfußboden - Nena vor 25 Jahren. Keiner der anwesenden Erziehungsberechtigten scheint Bedenken dagegen zu haben, dass es nun Hard-Rock für Sechsjährige gibt. Auf der Bühne spielen die Gitarristen sich gegenseitig an den Gitarrenhälsen herum. Ein Vater lacht nach dem Schlussakkord: "Früher saß mir bei solchen Konzerten immer meine Freundin auf den Schultern. Jetzt ist es meine Tochter. Vom Gewicht her eine echte Entlastung."

Die Plattenfirma wird solche Aussagen freudig zur Kenntnis nehmen. Zwar sei das Marktsegment der Unter-16-Jährigen wegen der hohen Kaufkraft interessant, erklärt Harald Engel von der EMI, wichtig sei es aber auch, ältere Konsumenten zu gewinnen. Deshalb habe man sich in den letzten Monaten bei der Öffentlichkeitsarbeit auch an seriöse Medien wie Stern, Vanity Fair oder taz gewandt. Manager Arnz indes glaubt, diese Kundschaft schon gewonnen zu haben. "Die Älteren kommen nicht zu Konzerten und Autogrammstunden. Aber die kaufen CD's." Tatsächlich sind die Longplayer von LaFee erfolgreicher als die Singleauskopplungen, ein Indiz, dass LaFee viele anspruchsvolle und finanzkräftige Hörer und Käufer hat - Eltern eben. Den Jugendlichen bleibt also eigentlich nur eine Hoffnung, fasst ein anwesender Vater zusammen: "Wir sind die Leute, vor denen uns unsere Großeltern immer gewarnt haben."

taz vom 07.08.2007