Die letzten Zeugen sterben aus
Die niederländische Theatergruppe »Hotel Modern« zeigt Auschwitz als Puppenspiel


Scheinwerfer tauchen das Szenario in das fahle Licht einer winterlichen Morgendämmerung. Aus Lautsprechern heult der Sturm. Die Gebäude sind bekannt, berüchtigt. Die Wachtürme, das Torhaus mit den Gleisen, die Baracken. Doppelter Stacheldrahtzaun umspannt das Gelände. Auch das schmiedeeiserne Gitter fehlt nicht. »Arbeit macht frei«. Auschwitz als Modell-Landschaft. Auschwitz aus Pappe. Den Zuschauern wird eine ganze Stunde lang ein Puppenspiel zugemutet. Und ständig ist die Frage im Raum: »Darf das sein?»
Die niederländische Gruppe »Hotel Modern« tourt zur Zeit mit ihrer Produktion »Kamp« durch Europa. Die deutsche Erstaufführung fand im Rahmen des Festivals »Fidena 2006 – Unter die Haut« statt, des wichtigsten deutschsprachigen Figurentheaterfestes.
3000 Puppen hat die Gruppe für ihr Theaterstück gebaut. Die etwa fingerlangen Drahtgestelle sind bekleidet mit Drillich. Die Köpfe aus Pappe wirken wie runzlige Kartoffeln. Münder und Augen sind weit geöffnet. Anhand einzelner Szenen werden ein Tag und eine Nacht in einem Konzentrationslager dargestellt. Dazu bewegen sich zwei Puppenspielerinnen auf der etwa zehn mal zehn Meter grossen Bühne. Wie fremde, nicht dazugehörige Riesen wirken die dunkel gekleideten Frauen in dem Abbild des Lagers. Ein Kameramann begleitet sie. Die von ihm gefilmten Bilder werden hinter der Bühne auf eine grosse Leinwand projiziert. So entsteht für das Publikum eine verzerrte Wahrnehmung. Eine surreale Perspektive spielt mit den Gegensätzen fern-nah und groß-klein. Nah sind die kleinen, kaum zu erkennenden Puppen. Weiter weg wird das Puppenspiel stark vergrössert gezeigt. Die übertragenen Bilder sind schwarz-weiss, verwackelt. Sie wirken wie die eines Amateurfilmers vor über 60 Jahren.
Solcherelei Filme gibt es ja tatsächlich. Sowohl SS-Schergen wie auch später die Befreier dokumentierten mit der damals aktuellen Technik den Massenmord. Also nicht nur die Kulisse, auch die Szenen sind bekannt. Ein einsamer Häftling schabt mühsam einen Weg durch den vereisten Schnee. Dann füllt sich der Appellhof. Unter dem Galgen stehen vier Puppen. Die Masse der Häftlinge starrt gebannt nach vorn. Auch die Lagerleitung ist anwesend. Schwarze Uniformen, strenge Gesichter. Stille. Schemel werden weggezogen. Die Puppen fallen geräuschlos.
Und schon gehen die Puppenspielerinnen und der Kameramann mit vorsichtigen, fast schleichenden Schritten zu dem nächsten Schauplatz. Eine lange Reihe von Häftlingen trägt tief gebückt schwere Säcke. Einer der Zwangsarbeiter bricht unter der Last zusammen. Sofort kommt ein Uniformierter und schlägt auf den schon Liegenden mit dem Gewehrkolben ein. Quälend lange Minuten sind nur die dumpfen lauten Schläge zu hören. Die Puppe verformt sich kaum unter den hämmernden Schägen. Wie lange dauert es, auf diese Weise zu töten?
Ähnlich donnernd wie die Schläge hört sich der Zug an, der nun einfährt. Die Rampe, die Selektion. Endlos scheinende Reihen von Puppen werden quer über die Bühne zu einem flachen Gebäude geschoben. Dort verlieren sie ihre Kleidung. Aus der langen Reihe von Individuen wächst eine amorphe Masse. Die Nacktheit ist dargestellt durch mit durchsichtigem Silikon ummantelte Drahtgestelle. Nur die riesig wirkenden Köpfe verraten Unterschiede. Die Kamera folgt den Deportierten sogar bis in die Gaskammer. Der Massenmord ist vor allem hörbar: das kreischend-kratzende Geräusch von auf einem Betondach geschobenen Betonplatten. Das zischende Rieseln der Zyclon-B-Kristalle. Den Anblick des Sterbens ersparen die niederländischen Puppenspieler ihrem Publikum. Zitternde Puppen, Blende, Dunkelheit.
Oft sind es nur Bilder, die durch einen Kameraschwenk dreidimensional werden, an Tiefe gewinnen. Die Tausenden von Puppen bleiben starr, wenn die Kamera sich in einer mühsam langen Einstellung über deren Köpfe bewegt. Aber durch diese langsame, nicht enden wollende Bewegung wird die Dimension des Massenmordes plastischer als durch ein bloßes Foto. Jedes Gesicht wird erkennbar in der Masse. Andere Szenen wiederum sind nur Augenblicke. Die Berge von Koffern, Kleidern, Haare, waren ja in den Geschichtsbüchern schon oft zu sehen. Trotzdem, als sekundenkurze Einstellung, nachdem detailliert die abstrus verrenkten Vergasten gezeigt wurden, entlarven diese Warenberge blitzlichtartig die ökonomische Dimension von Auschwitz.
So wirkt bei »Kamp« das Spiel mit der Zeit. Ein Häftling schleicht zögerlich in Richtung Stacheldrahtzaun. Endlos erscheint sein Weg. Das Schild »Vorsicht Hochspannung« wird immer wieder überdimensional gezeigt. Und dann, nur als Augenblick, ein Blitz, ein Zischen.
Gnadenlos wird auch die Heiterkeit im KZ dargestellt. Für die Häftlinge gibt es Musik. Eine Blaskapelle spielt zum Essen. Fröhliche Polka zur wässrigen Suppe. Nachdem die letzten Takte verklungen sind, hört man nur noch Schaben. Ein Mann kratzt verzweifelt den Kochtopf aus. Zu zünftiger Marschmusik schunkeln betrunkene SS-Schergen. Am Ende der Feier kriecht mancher zwischen leeren Weinflaschen auf dem Boden. Dann macht die Kamera einen Schwenk. Draußen, vor dem Kasino, erhebt sich aus der Dunkelheit ein Leichenberg. Inmitten Hunderter lebloser Puppen bewegt sich etwas. Wie ein Wurm versucht ein Sterbender, sich aus dem Haufen zu befreien. Auch er kriecht, aber nicht trunken, sondern sterbend. Er scheitert.
Das Licht geht wieder an im Saal. Nach einem Moment der Stille applaudiert zögerlich das Publikum. Kein Protest, keine Diskussion. Die Menschen verlassen schweigend den Ort des Puppenspiels.
Der künstlerische Tabubruch bezüglich des Themas Holocaust ist in den letzten Monaten in Mode gekommen. Im März erregte die Installation »245 Kubikmeter« des Künstlers Santiago Sierra die Gemüter. In eine Synagoge nahe Köln ließ der 40-jährige Spanier die Abgase von sechs Autos leiten. Als Mahnung, meinte der Künstler. Auf weniger Ablehnung stieß die Aufführung der Oper »Das Frauenorchester von Auschwitz« im Theater in Mönchengladbach. Vor der Premiere noch erschien eine Holocaust-Oper als suspekt. Doch Zuschauer und Theaterkritik waren nach der Vorstellung begeistert.
Die Liste der Beispiele, in denen Kunst und Historik die gemeinsame Grenze ausloten, lässt sich fortführen. Auschwitz als Tragikomödie wie in Roberto Benignis »Das Leben ist schön», Hitler als rappende Zeichentrickfigur in Walter Moers' Werk »Der Bonker«, schon Charly Chaplins »Der große Diktator«, immer stritten Skeptiker und Befürworter einer künstlerischen Aufarbeitung des Faschismus miteinander. Auch die Veranstalter der deutschen Erstaufführung des Puppentheaters »Kamp« rechneten mit einem Skandal.
Dabei begingen sie in ihrem Ankündigungstext einen wahrscheinlich nicht bösartig gemeinten, aber doch schweren Formulierungsfehler: »Jetzt, da die Augenzeugen aussterben, wagt sich die niederländische Gruppe ›Hotel Modern‹ nach vielfältigen Recherchen an das Thema heran und bricht damit bewusst ein Abbildungstabu.« Als müsse man froh sein, dass nun die letzten Zeugen sterben. Darf, so lassen jene Worte vermuten, erst der Massenmord künstlerisch verfremdet dargestellt werden, wenn die Überlebenden endlich tot sind?
Die Diskussion zwischen Zeitzeugen und Nachgeborenen könnte man sich dann zumindest, zynisch formuliert, ersparen. Was aber darf Kunst? Ist die Freiheit wirklich immer die Freiheit des Andersdenkenden? Im Falle Sierra erschien für viele, für Ralph Giordano und auch für den Zentralrat der Juden in Deutschland, eine Grenze überschritten. Die »Konzeptkunst« von Sierra ließ Platz für viele Interpretationen. Nicht nur als provozierender Denkanstoß sondern auch als symbolische Neuauflage des Mordens konnte die Aktion verstanden werden. Die rheinische Synagoge gefüllt mit Autoabgasen gar als Wallfahrtsort der Rechtsradikalen? So weit kam es glücklicherweise nicht. Aber bei uneindeutigen Aussagen besteht zumindest auch diese Gefahr.
Ganz eindeutig hingegen ist die Darstellung der niederländischen Puppenspieler. Massenmord wird als Massenmord gezeigt. Irritierend ist nur die Darstellungsform. Mit Puppenspiel verbindet man Kasperletheater, Pittiplatsch und Krümelmonster. Können Puppen also eine adäquate Übersetzung des Themas gewährleisten? Nach »Kamp« kann die Frage beantwortet werden. Ja, Figurentheater kann Auschwitz angemessen abbilden. Vielleicht gelingt es ihm inzwischen sogar besser als einer Dokumentation. Die Wiedergabe bloßer Fakten lässt dem Zuschauer das Schlupfloch rationaler, intellektueller Verarbeitung. Gutes Puppenspiel erreicht aber immer auch das Herz. Deshalb spielen Kinder mit Puppen.

Neues Deutschland vom 28.10.2006