Dieser Gentleman irrtGiora Feidman traf in Düsseldorf auf das verbotene SaxophonMit einem milden Lächeln schaut sich Giora Feidman ein Plakat an. Darauf zu sehen ist die Karikatur eines Schwarzen mit Davidstern, der Saxophon spielt. »Entartete Musik« steht in großen Lettern auf jenem Plakat. »Das ist dumm«, kommentiert der weltberühmte jüdische Klarinettist den Titel jener Ausstellung, die 1938 in Düsseldorf gezeigt wurde. Nun, 70 Jahre später, versucht eine weitere Ausstellung in der gleichen Stadt, die Zensurmaßnahmen der Nazis einem breiten Publikum darzustellen. Zumindest bei dem Besucher Feidman gelingt dies nicht. Dieser wendet sich von den Stellwänden ab. Seine Stimme schallt in dem großem Kuppelbau der Düsseldorfer Tonhalle, die extra für den prominenten Besucher ihre Türen an diesem Vormittag öffnete. »Kunst ist wie Essen oder Trinken, man kann sie nicht verbieten.« Die Worte des 71-Jährigen klingen freundlich, aber auch eindringlich. »Man war nicht erfolgreich damit. Schauen Sie, wir stehen hier, Juden und Deutsche, und reden miteinander.« Weltbewohner nennt Feidman die Menschen. Und dann erzählt er von seiner Kindheit in Buenos Aires. »Das Haus war voller Hass.« Die Eltern waren aus Osteuropa emigriert. Fast alle ihre Verwandten waren von den Nazis ermordet worden. So hassten Gioras Eltern alle Deutschen, und ab 1948, als der erste israelisch-arabische Krieg tobte, auch alle Araber. Er könne seine Eltern verstehen. Aber es sei nicht richtig zu hassen. »Ist ein deutsches Baby schuldig? Ist ein palästinensisches Baby schuldig?« Er selbst habe viele Jahre gebraucht, um sich von dem Hass zu befreien. Inzwischen spielt er überwiegend vor deutschem Publikum. Und da passiere es immer wieder, dass er Deutschland vor den Deutschen in Schutz nehmen muss. Auf seine beiden Gesprächspartner deutend, die zwischen 40 und 50 Jahre alt sind, sagt er: »Sie sind nicht schuldig. Sie sind zu jung dafür.« Als Helmut Kohl bei einem Staatsbesuch in Israel von der Gnade der späten Geburt sprach, war man dort entsetzt. Aber Kohl habe doch zumindest in diesem Fall Recht gehabt, beharrt Feidman. Zögerlich versucht Udo Flaskamp, der Pressesprecher der Tonhalle, dem Musiker eine Schautafel zu zeigen. Atonale klassische Musik, Jazz und alle Werke jüdischer Komponisten seien diffamiert und verboten worden. Sogar eine von Hitlers Lieblingsoperetten, »Das Schwarzwaldmädel«, konnte nicht mehr aufgeführt werden, weil dieses deutschtümelnde Singspiel von dem Juden Leon Jessel komponiert war. Im Führerbunker, so wurde kürzlich in Archiven in Moskau recherchiert, hätten sich in Hitlers Grammophonplattensammlung einige vom Naziregime verbotene Musikstücke befunden. Doch von diesen historischen Paradoxien, von diesen Widersprüchen der Nazis will Giora Feidman nichts wissen. Ärgerlich dreht er sich weg, zeigt dem Hitlerbild seine kalte Schulter. »Ich will über diesen Kerl nicht mehr reden«, schnaubt er. Und dann sagt er, ganz pointiert, als wolle er den Satz diktieren: »Der Heilungsprozess ist abgeschlossen.« Gemeinsam mit dem deutschen Klezmer-Musiker Helmut Eisel habe er in der Holocaust-Gedächtnisstätte Yad Vashem in Jerusalem gespielt. »Es ist inzwischen möglich, dass ein Deutscher an jenem Ort Klezmer spielt.« Natürlich müsse man der Jugend von der Historie berichten. Genauso wichtig sei es aber auch, in die Zukunft zu schauen. Was sei in Jugoslawien passiert, was passiere in Irak, in Afrika, in Palästina? »Immer ist es Krieg. Immer wird gemordet. Was ist der Unterschied?« Gern würde er in den palästinensischen Autonomiegebieten ein Konzert geben. Als Zeichen der Versöhnung. Ihm als Israeli werde dies aber von seinem Staat verboten. Ein zweiter Versuch, Feidman die Ausstellung näher zu bringen, ist etwas erfolgreicher. »Die Nazis bezeichneten das Saxophon als ein jüdisches Instrument und verboten Musik, die mit Saxophon gespielt wurde«, erklärt Udo Flaskamp. Der Klarinettist ist erstaunt. Ein Instrument verbieten? »Dumm, sehr dumm!« Wer Musik verbiete, verbiete Sprache. Vielleicht, so sinniert Giora Feidman, habe er sich von dem Hass im Hause seiner Eltern lösen können, weil er so viel Musik in seinem Leben habe machen dürfen. Musik könne als Sprache versöhnen, könne Brücke zwischen den Menschen sein, könne heilen. Als ihn der Papst Benedikt XVI. im Jahr 2005 nach Deutschland eingeladen hatte, bei einer Messe aufzutreten, habe er vor 800 000 Jugendlichen ein traditionelles Klezmerstück und das »Ave Maria« gespielt und beide Musiken miteinander verwoben. »Musik ist ein spirituelles Geschenk.« Inzwischen ist man bei dem kleinen Spaziergang durch die Tonhalle an der letzten Schautafel angekommen. Diese illustriert die aktuelle Verwendung des Begriffes »entartet«. Neben einer Porträtaufnahme von Joachim Kardinal Meisner ist das berüchtigte Zitat des Kölner Erzbischofs zu lesen: »Dort, wo die Kultur vom Kultus, von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus, und die Kultur entartet.« Höflich kommentiert Feidman den ihm ins Englische übersetzten Satz. »Dieser Gentleman irrt. Es gibt keine gute oder böse Kultur. Alle Kultur ist von Gott.« Dann schlendert er wieder zum Anfang der Ausstellung. Vor dem Plakat, auf dem der schwarze Saxophonist mit den wulstigen Lippen, dem Ring im Ohr, dem Zylinder auf dem Kopf, dem Davidstern am Revers abgebildet ist, packt er seine Klarinette aus. Es scheint, als leihe er dem stummen zweidimensionalen Saxophonisten aus Pappe eine Stimme – seine Stimme. Zunächst kaum hörbar, dringt ein schüchterner Klagelaut aus Feidmans Klarinette. Der Ton klingt zunächst gespenstisch einsam in dem leeren Kuppelbau des ehemaligen Planetariums. Dann aber ändert sich der Ausdruck. Krächzen ist zu hören, Wütendes Krächzen. Und dann Gelächter. Giora Feidman ist zu hören. Alle Gefühle, die Menschen fähig sind zu empfinden, zaubert er aus dem kleinen Schalltrichter nur eines Instrumentes. Klezmer, die Musik der Juden Osteuropas, erklingt in der Ausstellung über die Ausstellung über »entartete Musik«. Dann packt Feidman sein Instrument wieder ein. »Eine wundervolle Klarinette. Made in Germany.« Neues Deutschland vom 28.02.08 |