Werbung fürs Pharmadies -

Romeo und Julia am Straßenrand

 

Da, eine großformatige Tragödie! Sie läd zum Phantasieren ein: Er liebt sie, die unerreichbare Nachbarin. Er trifft sie immer, wenn er um 22 Uhr seinen Abend beginnt, von Club zu Club ziehend. Sie kommt ihm dann entgegengestöckelt, im Treppenhaus, mit ihrer Aktentasche, abgekämpft von der Arbeit in der Agentur. Sie sieht dann müde aus, trägt ihr Kopfschmerzgesicht. Er sieht dann gefährlich aus, trägt sein Jäger- und Sammlergesicht. Diesen beiden Gesichtern bleibt als gemeinsamer Nenner nur ein knappes „Hallo!". Am Morgen dann, nein, eher gegen Mittag, steckt er sich seine Globetrotterzigarette an, übt ein paar Riffs. Sie schaut von ihrem Laptop auf, wirft zwei Tabletten ein. So geht das über Jahre. Abends zwei mal „Hallo", tagsüber unzählige Tabletten und Zigaretten. Und dann treffen sie sich, wie der Zufall es so will, eines Tages in der nahegelegenen Krankenhauscafeteria. Sie war gerade bei der Dialyse, wegen ihren kaputten Nieren, er bei der Strahlentherapie, wegen seiner kaputten Lunge.

Ach, wären sie sich an irgend einem dieser vielen vergangenen Abende näher gekommen, die Geschichte wäre anders ausgegangen. Er hätte ihr ein Präparat gezeigt, dass auch in eine Tüte kommt aber viel gesünder gegen Spannungskopfschmerzen hilft. Und sie hätte ihm gesagt, dass sie gar nicht so gern einen Aschenbecher küsst. Und dann hätten sie sich geküsst, ohne Thomapyrin und ohne Camel. Und dann hätten sie Werbung machen können fürs Bausparen oder für gestreifte Kondome, für geblümte Babywindeln oder für eine Lebensversicherung, eben für irgendeinen ungiftigen Quatsch.